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Das Problem ist oft die Kinderbetreuung

Podiumsdiskussion des Frauennetzwerks: „Mehr Frauen in Führungspositionen.“ Karriere wird oft für die Familie vernachlässigt. · Von Jan Mönch

 

Aachen. Das Studium der Informatik gilt als Männerdomäne. Dennoch war Martine Herpers nicht die einzige Frau, als sie sich Anfang der Achtziger einschrieb. Das sah bei ihrer Promotion schon anders aus: „Da waren die Frauen verschwunden.“

 

Mit dieser Erfahrung kam Dr. Martine Herpers zur Podiumsdiskussion des Frauennetzwerks Aachen. „Mehr Frauen in Führungspositionen“, lautete der Veranstaltungstitel. Das ist auch zugleich eine Forderung der Nürnberger Resolution, deren Initiatorin Herpers ist. Außerdem fordert sie eine Steigerung des Frauenanteils in Aufsichtsräten.

 

Dass die Erfahrungen der Informatikerin wenig an Aktualität ein gebüßt hat, belegte Professor Ernst Rietschel mit Zahlen. Zwar sei der Frauenanteil zwischen 1975 und 2005 in allen Studiengängen gestiegen. Nach wie vor jedoch gehe die Schere zwischen Promotionsstudenten und Studentinnen deutlich auseinander. „Dramatisch“ sei der Unterschied schließlich unter Habilitierenden, von „prestigeträchtigen Positionen“ ganz zu schweigen. „Wie kommt das?“, fragte der Präsident der Leibniz-Gesellschaft.

 

„Das größte Handicap ist die fehlende Kinderbetreuung“, urteilte Dr. Fiona Williams. Die Ericsson-Forschungsdirektorin ist in Irland aufgewachsen, wo Familien schon in vergangenen Jahrzehnten oft ein zweites Einkommen benötigt hätten. In Deutschland dagegen, daran erinnerte die ehemalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, wurde von selbstbewussten Familienvätern lange Zeit nur zu gern festgestellt: „Meine Frau hat es nicht nötig zu arbeiten.“ Dass Frauen eher bereit sind, für den Familienwunsch auf Karrierechancen zu verzichten, belegte Ernst Rietschel mit Umfragewerten.

 

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Spannende Diskussionsrunde zum Weltfrauentag: (von links) Ernst Rietschel (Präsident der Leibniz-Gesellschaft), Fiona Williams (Ericsson-Forschungsdirektorin), Moderatorin Marion Moss, Bundestagsabgeordnete Ulla Schmidt und Martine Herpers (Initiatorin der Nürnberger Resolution). Foto: Ralf Roeger

 

 

Was Frauen in der Wissenschaft betrifft, rangiere im europäischen Vergleich nur Belgien und Malta hinter Deutschland. Der Grund: „Seilschaften der Männer“. Abhilfe könne bei solch festgefahrenen Strukturen nur der Gesetzgeber leisten. Und zwar durch eine Festlegung der Frauenquote auf mindestens 40 Prozent. Schmidt: „Vielleicht reichen auch 30. Aber wenn wir jetzt schon Kompromisse machen, dann kommen wir nie an.“

 

„Wo sind die Vorbilder? Haben Frauen überhaupt den Führungswillen?“, wollte Moderatorin Marion Moss wissen. Woraufhin die vier Podiumsgäste einräumten, dass die Frauenwelt in Sachen Selbstbewusstsein zulegen muss. Ulla Schmidt bemerkte: „Ich habe oft festgestellt, dass es nicht einfach ist, Frauen zu finden, die sich als Abteilungsleiterin bewerben. ‚Glauben Sie denn, dass ich das kann?’ Ein Mann hat mir diese Frage noch nie gestellt.“

 

 

Die Forderung lautet: Mehr Frauen sollen in die Aufsichtsräte

 

Die Nürnberger Resolution setzt sich dafür ein, dass mehr Frauen Plätze in Aufsichtsräten bekommen. Nach Angaben des Frauennetzwerks Aachen, das die Resolution befürwortet, liegt der Frauenanteil derzeit bei nur drei Prozent.

 

Die Bundesregierung wird aufgefordert, im Aktiengesetz festzulegen, dass bis 2013 mindestens 40 Prozent der Aufsichtsräte in Aktiengesellschaften Frauen sein müssen.

 

Ein Gleichstellungsgesetz für die Privatwirtschaft soll den Frauenanteil in Führungspositionen erhöhen.

 

Das Frauennetzwerk Aachen möchte in der Region möglichst viele Unterzeichner der Resolution gewinnen. Weitere Verbünde haben sich in Berlin, Bremen, Marburg, München, Stuttgart sowie in der Rhein-Main-Region zusammengefunden.

 

Weitere Infos: www.nuernberger-resolution.de

 

 

 

 

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